ERA Magazin - besser Wohnen

Von der Frühgotik in die Gegenwart

Ein ehemaliger Gutshof aus dem Jahr 1250 wurde zum preisgekrönten Mehrfamilienhaus.

Blick auf die frühermittelalterliche Mauerwerkfassade aus dem Obstgarten (c) sam-architects

Seitdem ich diese Reportagen mache, hat selten noch ein Architekt dermaßen von seinem Werk geschwärmt wie Franz Sam. Das ist auch völlig verständlich und nachvollziehbar, weil die gesamte Unternehmung 18 Jahre dauerte und ziemlich einmalig ist.

Die Geschichte beginnt mit einem Primararzt aus Rehberg bei Krems. Er wohnt mit seiner fünfköpfigen Familie in einer Mietvilla mit Aussicht auf eine Burgruine und einen uralten Gutshof, umschlossen von einem großen Garten. Romantik pur. „Das war 1999 der Hauptgrund, ihn zu kaufen“, erzählt der Bauherr freimütig. Nun weiß man ja, dass solche alten Gemäuer preiswert zu haben sind, wenn man sich verpflichtet, sie zu erhalten beziehungsweise zu revitalisieren. Denn sie stehen unter Denkmalschutz und bergen jede Menge Überraschungen – positive und negative. „Dieses Haus wurde seit 1250 in wesentlichen Bereichen nicht umgebaut.

 

Blick vom Nebeneinfahrt (c) sam-architects

Es war einst der Versorgungshof der Burg, dann sicher Militärlager im 30jährigen Krieg, dann Bauernhof und Lagerstätte und zum Schluss wohnte ein altes Ehepaar hier – in einem einzigen Zimmer. Es sind also alle antiken meterdicken Mauern noch vorhanden und die mittelalterlichen Öffnungen für die typisch gotischen Türen und Dreipass Spitzbogen-Fenster mit ihren vorhandenen. Die Gewölbedecken sind ein einmaliger Blickfang. Die freistehende Rauchküche mit dem gemauerten Pyramidenkamin ist ein Unikat und wurde nicht angerührt. Und nein, wir haben keinen versteckten Schatz gefunden“, sagt der Architekt.

Nachdem Bauherr und Architekt einander gefunden haben, beginnt im Jahr 2000 die erste Phase im Erdgeschoß. Die alten Deckenbalken und Gewölbe bleiben zum größten Teil als sichtbares Zeugnis früherer Konstruktionen erhalten, sie werden lediglich um neue Balkentragwerke in einer leichten Stahl Beton Verbundbauweise ergänzt. Aus kleinen Kammern entstehen große Räume. Der ehemalige Gerichtsaal ist 80 Quadratmeter groß und wird zum Wohnzimmer. Aus der ehemaligen Kemenate wird die Küche. Selbstverständlich müssen überall neue Kabel und Verrohrungen eingezogen werden. Das Erstaunliche daran: Das gesamte Haus, im Endausbau 500 Quadratmeter Wohnfläche, kann mit einer normalen Gas-Kombi-Therme über Fußbodenheizung mit Wärme versorgt werden was für eine leidlich gute Wärmedämmung der dicken Natursteinmauer spricht.

Deckendurchsicht mit Lichtgaube im DG (c) sam-architects

Schritt für Schritt

2005 ist die erste Bauphase mit 150 Quadratmetern Wohnfläche abgeschlossen und das Geld vorerst aufgebraucht. Die Familie zieht ein. Als nächstes wird die ehemalige Gesindestube im Halbgeschoß zur kleinen Wohnung der Mutter.

Im Jahr 2010 ist wieder Geld und Mut vorhanden und das Dach wird in Angriff genommen. Viel Platz, das heißt rund 300 Quadratmeter und 3,50 Meter Raumhöhe. Die Hausfrau möchte endlich eine zeitgemäße Küche haben, ein modernes Bad mit freistehender Wanne, einen großen Schlafraum. Selbstverständlich sind auch hier noch alte Mauern vorhanden und geben diesen Räumen, zusammen mit der modern-reduzierten Einrichtung, einen einmaligen Charme.

Alle Fußböden sind aus Industrie-Parkett. Ein interner Lift als Hubplattforn ist vorgesehen. Lichtgauben im Dach, Glasböden, freigeführte Treppen und Galerien sorgen für ein wohnliches Ambiente.

eingewölbter ehemaliger barocker Pferdestall als Zimmer adaptiert (c) Alexander Rajchl

2018 ist alles unter Dach und Fach. Die Kinder sind erwachsen geworden und aus dem Ausland heimgekehrt. Alle wohnen nun hier und können sich nichts anderes mehr vorstellen. Das Bauwerk wird für den Architekturpreis eingereicht und gewinnt ihn als „das beste Haus“ in Niederösterreich.

Franz Sam hat in Innsbruck studiert und führt seit 1992 eigene Büros in Wien und Krems. Mit seinem sechsköpfigen Team bietet er anvon städtebaulichen Lösungen bis hin zu Design für Lampen, Tische, Sessel und Schmuck. Seine Arbeiten werden oft preisgekrönt und er nimmt an zahlreichen Wettbewerben teil. Er ist Lektor an der Uni Innsbruck und an der Kunstuniversitäten in Wien, außerdem ist er Konsulent der Baudirektion NÖ.

Text: Susanne Mitterbauer
E-Mail: s.mitterbauer@besser-wohnen.co.at
Bilder: © sam – architects, Hertha Hurnaus,
Alex Rajchl