ERA Magazin - besser Wohnen

NYC

… das Empire State Building, der Hudson River, der riesige Central Park, …

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New Yorker Schneeflocken haben schon viel erlebt, wenn sie von ihrer Himmelsreise kommen. Sie fallen durch hunderte Meter hohe Wolkenkratzerschluchten, werden vom salzigen Wind gepeitscht, der kalt aus der Lower Bay vom Atlantik herein in die Stadt bläst. Von Millionen Lichtern durchleuchtet, schaffen sie es, der riesigen Weltstadt ihre eigene, gemächliche Geschwindigkeit aufzudrängen. Wenn sich der weiße Teppich auf Amerikas Metropole ausbreitet, entschleunigt die rastlose Stadt, wird ruhiger und leiser, manche würden sagen, erträglicher. Mir gefällt es, bin gekommen um „Big Apple“ zu sehen, erleben und zu spüren.

Muss zuerst tief durchatmen, zu viele Gleichgesinnte wollen auf das Rockefeller Center hinauf. Irgendwann reißt mich der Aufzug sekundenschnell in die Höhe, hinauf zu Top of the Rock. New York liegt zu meinen Füßen. Das Empire State Building, der Hudson River, der riesige Central Park, jetzt in ein großes, weißes Feld verwandelt – all das erscheint ganz nah und ist doch so fern. Die Hektik der Millionenstadt ist verschwunden. Wenn in der hereinbrechenden Dunkelheit endgültig die letzten, zögernden Sonnenstrahlen verlöschen, gehen unten in den Straßen und Geschäften die Lichter an. New York City beginnt zu glühen. Manhattan zeigt das Beste, was es zu bieten hat: Die Schaufenster der Shopping- Paläste an der Fifth Avenue strahlen in feierlichem Rot, Girlanden säumen die Straßen von Little Italy und China Town. Der wohl berühmteste Baum am Rockefeller Center funkelt prächtiger als es eine Fernsehübertragung je zu vermitteln mag.

Auf dem Weihnachtsmarkt im Central Park nehme ich einen heißen Apfelpunsch, stehe an der Brücke vor dem Wollman Rink und beobachte die Eisläufer. In Gedanken verloren suche ich Ali McGraw und Ryan O´Neal auf dem Eis. „Love means never having to say you‘re sorry“, träume ich. Der Eislaufplatz schaut aus wie damals in dem Hollywood-Melodram „Love-Story“, in Wirklichkeit vielleicht nur etwas kleiner. Dann reißt mich der kalte Wind aus verblassten Träumen.

Aus den Kanaldeckeln steigt Rauch auf, ich winke einem Taxi. Auf der Rückbank des gelben Ford-Crown höre ich dem Fahrer beim Telefonieren zu, während die Nachtlichter der Stadt an mir vorbeigleiten. Er erzählt von einem herzhaften American Breakfast, bei dem auf keinen Fall Eier, Pancakes und Waffeln fehlen dürfen. Die New Yorker lieben es, sich samstags und sonntags beim Brunch die Bäuche vollzuschlagen. „DAS Spitzenfrühstück gibt es in der Clinton Street Baking Company in der Lower East Side“, sagt er. Am Wochenende nimmt der Laden leider keine Reservierungen entgegen, weiß ich. Schaukelnd stoppt das alte Yellow Cab – eines von 13.347 New Yorker Taxis – in Upper Eastside, ich tauche ein in Alice´s Wonderland. Christmas-Shoppers lieben New York wegen seiner unglaublichen Auswahl und der festlichen Dekoration. In einem sind sich alle einig: Barneys‘ Flagship Store in der Madison Avenue hat zu Weihnachten die beste Schaufensterdeko. Jedes Jahr darf hier ein Star die Schaufenster entwerfen. Ob Lady Gaga oder Disney´s Minnie Maus, diese Schaufenster sind Kult. Die thematische Bandbreite in Manhattan ist vielfältig. Bei Saks Fifth Avenue besticht die schlichte Eleganz, Lord & Taylor ist bekannt für seine extravaganten Schaufenster-Dekorationen und Animationen. Bloomingdale’s setzt auf urbanen Schick, während Tiffany & Co. mit individuellem Stil überzeugen. Bei Macy’s am Herald Square imponiert pompöses Weihnachtsdekor. Während man im Kaufhaus dem Weihnachtsmann im Santa-Land einen Besuch abstatten kann, lohnt es sich auch, sich die Nasen an den Schaufenstern platt zu drücken. Hier bewegen sich Figuren und sonstige Elemente und durch wildes Bewegen kann man sogar das Schneetreiben beeinflussen. Crazy! Sagen Sie das Ihren Kindern nicht! Der große Spielwarenladen FAO Schwarz, in der Fünften, erstreckt sich auf zwei Stockwerke und über einen ganzen Straßenblock.

Die beißende Kälte kriecht langsam unter den Mantel und lässt meine Wangen glühen. Schnell biege ich ab zu Two Boots in der 44. Straße. Der Pizzamacher erzählt, dass das Lokal von zwei Filmleuten gegründet wurde und die runden Teigdinger nach Filmnamen benannt werden. Die scharfe Cleopatra Jones um 7.25 Dollar ist lecker. Das Bier ist kalt und gut! Der Pizzamacher freundlich, wie die meisten New Yorker, falls sie es gerade nicht eilig haben. Später gehe ich zurück ins Hotel. Die Sirenen und zuckenden Lichter eines Emergency-Wagen verlieren sich gerade irgendwo am Ende der Straße und ein Obdachloser mit einem Santa Claus-Hut trottet mit seinem Hund an mir vorbei. Ich gebe ihm zehn Dollar, wünsche ihm „Merry Christmas“ und ziehe meinen Schal über die Nase. Ich hoffe, dass die Freudentränen, die bei mir in solchen Augenblicken immer fließen, nicht sofort auf den Lippen einfrieren. Ich bin in New York, dem einzigen, wahren New York, das es gibt: New York während der Weihnachtszeit.