ERA Magazin - besser Wohnen

No Mistletoe, no Luck!

No Mistletoe, no Luck!

Ohne Mistelzweig kein Glück!

Spätherbst, wenn die Bäume ihre Blätter abgeworfen haben, werden hoch oben in ihren Kronen die grünen, kugeligen Mistelpflanzen sichtbar. Seit Jahrhunderten werden ihnen nützliche und geheimnisvolle Eigenschaften zugeschrieben. In der Winterzeit sind die grünen Kugeln allerorts anzutreffen.

2012

Mythen und Heilkräfte

Unter dem Mistelzweig geküsst zu werden, soll nicht nur in der Liebe Glück bringen. Obwohl wir diesen Brauch von den Engländern übernommen haben, wurzelt der Aberglaube um die Pflanze in viel älteren Zeiten. Bei den Kelten wurde die Mistel als heilende und Glück bringende Pflanze verehrt. Man sagte ihr nach, böse Geister, Blitzschlag und Feuer von Haus und Hof fern zu halten, Schlösser zu öffnen und Schätze finden zu können. Sollte die Heilkraft der Mistel erhalten bleiben, durfte sie bei der Ernte nicht zu Boden fallen. Deshalb wurde sie von den Druiden mit goldenen Sicheln geerntet und in einem weißen Tuch aufgefangen.

Die Mistel ist eine der ältesten Heilpflanzen und wurde schon von Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.) beschrieben. Die moderne Pflanzenheilkunde nutzt die Mistel gegen Bluthochdruck und auch bei Krebserkrankungen. Der Extrakt soll das Immunsystem stärken, tumorbedingte Schmerzen mildern und Chemotherapien verträglicher machen. Trotz erzielten Erfolgen in der Behandlung bleibt die medizinische Wirkung von Mistelpräparaten aber umstritten. Zur Senkung von Bluthochdruck wird Misteltee als Kaltauszug angewandt. Er kann aber auch Beschwerden der Verdauungsorgane und Stoffwechselstörungen lindern.

Besondere Pflanze

Auch aus botanischer Sicht ist die Mistel etwas ganz Besonderes. Sie wächst als Schmarotzerpflanze auf verschiedenen Baumarten – bevorzugt auf Pappeln und Weiden – aber auch auf Apfelbäumen. Sie bildet keine Wurzeln, sondern spezielle Saugorgane. Diese senkt sie durch die Rinde des Wirtsbaumes und zieht aus dessen Holz Flüssigkeit und Nährstoffe ab. Vereinzelte Misteln können einem starken Baum nicht viel anhaben, er wird ein wenig geschwächt, geht jedoch nicht zu Grunde. Die Pflanze hat sich für das Leben hoch oben in der Luft viele besondere Eigenschaften zu Nutze gemacht. Um Nährstoffe und Energie zu sparen, wirft sie ihre Blätter im Winter nicht ab, sondern bleibt immer grün und wurde dadurch schon vor langer Zeit zum Symbol des Lebens oder Überlebens. Von Februar bis April, noch ehe das Laub der Wirtsbäume austreibt, trägt die Mistel gelbliche, schwach duftende Blüten. Zu dieser frühen Zeit und noch ohne Konkurrenz werden sie von den Insekten leicht gefunden und bestäubt.

mistletoe on tree under blue sky

mistletoe on tree under blue sky

Ab dem Spätherbst, wenn die Bäume wieder kahl sind, reifen die weißen, klebrigen Beeren –  eine wertvolle Nahrungsquelle für Vögel. Auf diese Art wird auch der Mistelsamen weiter verbreitet. Trifft er auf einen Wirtsbaum, bildet er zunächst eine Haftscheibe aus, um sich sicheren Halt zu verschaffen. Eine neue Mistel beginnt zu wachsen und das sehr langsam: Mistelpflanzen blühen erst nach etwa fünf Jahren zum ersten Mal. Um einen Durchmesser von etwa ½ Meter zu erreichen, brauchen sie 25 bis 30 Jahre! Auch das sollte man bedenken, ehe man eine Mistel kauft, denn für den winterlichen Mistelkult werden unzählige alte, stattliche Pflanzen geschnitten. Vielleicht geben sie den Kuss in diesem Jahr nicht unter der Eingangstür, sondern direkt unten einem misteltragenden Baum?

Einen Mistelbusch
in den Garten holen

Wählen Sie dazu nicht Ihren besten Apfelbaum, sondern einen, dessen Ertrag keine Rolle spielt. Denn auf Dauer wird der Baum geschwächt. Ein milder Wintertag ohne Frost eignet sich gut. Weichen Sie eine Handvoll frisch gesammelter Mistelbeeren einige Stunden in Wasser ein und quetschen Sie danach die Samen aus den Beeren. Ritzen Sie den Ast des Wirtsbaumes ein wenig mit dem Messer ein und drücken Sie die Mistelsamen in die Ritze. Mit einem Vlies abdecken und dieses festbinden – das schützt vor Vogelfraß und Regen. Erst nach einem Jahr lässt sich beurteilen, ob der Versuch geglückt ist. Im zweiten Jahr bildet der Keimling sein erstes Blattpaar, nach etwa fünf Jahren blüht er zum ersten Mal.

Text: Ing. Elke Papouschek

E-Mail: e.papouschek@besser-wohnen.co.at

Bilder: iStock, BdB