ERA Magazin - besser Wohnen

Neues Leben in alten Mauern

CafeAugarten_Foto-P.Bereuter

Räume planen, Visuelles gestalten, Bücher binden und Marken inszenieren: Vier Kreativbüros entwickeln ihre Ideen in den Räumen eines ehemaligen Kaffeehauses am Augartenspitz in Wien Leopoldstadt. Das legendäre Kaffee war mehr als 30 Jahre in Betrieb. Die Mauern waren gesättigt vom Nikotin und all den Geschichten, die dort erzählt wurden.

ZB-2015-Arbeitsraum_Foto-N.Bargad ZB-2015-essen_Foto-N.Bargad ZB-2015-Kueche_Foto-N.Bargad ZB-2018_Foto-P_Inhalt
Petra Bereuter, die Architektin und Wolfgang Bereuter, der Mikrobiologe, der seine Bestimmung in der Architektur gefunden hat, beschließen, die Geschichte des Ortes würdevoll in die Vergangenheit zu begleiten: Nachdem alle Einbauten und der Putz an den Wänden abgetragen waren, gibt es zur Wiederherstellung des Rohbauzustandes von 1893 ein Fest mit Freunden, Saxophon, Bass und gutem Essen.

Während der Abbrucharbeiten werden schon die neuen Einbauten geplant: Alle neuen Bauteile werden aus Holz gefertigt, auch die tragenden: Die Galerieebene, die einen Teil der bis zu 4.90 m hohen Räume doppelt nutzbar macht, die beiden Stiegen, die Trennwände und die Sitznischen in den hohen Rundbogenverglasungen zum Augarten hin.

„90 % unserer Zeit verbringen wir durchschnittlich in unseren Breiten in Innenräumen“ zitiert Wolfgang Bereuter eine Studie des Österreichischen Instituts für Baubiologie und -ökologie. Deshalb sollten wir genau überlegen und sorgfältig auswählen, mit welchen Materialien wir uns umgeben und wie diese auf unser Befinden und unsere Gesundheit wirken. Gebäude, die mehr als 100 Jahre alt sind und in denen wir immer noch leben, bilden eine solide Trag- und Hüllstruktur aus natürlichen, unbehandelten Materialien.

Keine Folien, keine chemischen Verbindungen durch Kleber und Lacke, die in die Raumluft diffundieren. Deshalb das Entfernen aller Einbauten und Schichten der letzten Jahrzehnte. Das Material der neuen Bauteile, dass die Architekten hier verwenden, ist Vollholz. Die Oberfläche bleibt, wie sie von Natur aus ist: Unbehandelt. Damit ist sie diffusionsoffen und kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben. Zudem verströmt das Holz den Duft und die Wirkstoffe seiner ätherischen Öle. Und die wirken bekanntlich positiv auf die Herzfrequenz und die Konzentrationsfähigkeit.

Auch bei den bestehenden, massiven Bauteilen wird darauf geachtet, ihre natürlichen Materialeigenschaften zu nutzen: Die Gewölbedecke und zwei Ziegelmauern bleiben sichtbar, sie werden gereinigt und neu verfugt. Die übrigen massiven Wände erhalten eine Wandheizung und darüber Lehmputz. Die natürlichen Oberflächen aus Holz, Lehm und Ziegel regulieren die Luftfeuchtigkeit und sorgen für ein angenehmes Raumklima.
Einen weiteren Vorteil bietet das Holz: Es ist relativ leicht und trocken. Damit werden sehr kurze Bauzeiten erzielt. Vorausgesetzt, es wird davor in eine intensive Planung investiert.

Je mehr in der Zimmerei vorgefertigt werden kann, desto rascher die Montage. Die war bei diesem Projekt in 19 Arbeitstagen erledigt. Und dann kann sofort gearbeitet oder gewohnt werden, denn Trocknungszeiten gibt es keine.

Die Architektin ist vom Einsatz des Holzes überzeugt und überwindet damit auch gesetzliche Grenzen: Nach der damals gültigen Fassung der OIB-Richtlinien waren in dem Gründerzeitgebäude der Gebäudeklasse 5 tragende Bauteile aus Holz in sichtbarer Ausführung nicht möglich. Durch die Zusammenarbeit mit einem Brandschutzexperten wurden aber Lösungen gefunden, die auch die Behörden überzeugten.

Aber nicht der Holzbau allein macht es aus. „Es sind vor allem die alten Räume“, schwärmt die Architektin, „das Potenzial, das in ihnen steckt und all die Geschichten der Vergangenheit, die die alten Mauern erzählen. Und die Raumhöhen, die man im Neubau in dem Ausmaß nicht mehr erreicht. Diese Besonderheiten zu kombinieren mit neuen Bauteilen, das schafft einzigartige Räume.“
Petra Bereuter und Wolfgang Bereuter haben die Räume 2015 saniert und arbeiten seither selbst darin.

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