ERA Magazin - besser Wohnen

Kaukasische Impressionen

Mag. Helmuth Fellner, MMag.Dr. Hannes A. Fellner

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Die ersten Fragen, wenn man kundtut, dass man in den Kaukasus nach Armenien und Georgien fährt, stellt fast jeder: Warum fährst du dorthin, was machst du dort, ist es dort nicht gefährlich?

Die letzte ist am schnellsten zu beantworten. Ich möchte sie aber in eine armenische und eine georgische Antwort zweiteilen: Trotz des historischen Konflikts Armeniens mit der Türkei und des postsowjetischen Konflikts Armenien contra Aserbaidschan wegen der Enklave Berg-Karabach inklusive kriegerischer Handlungen ist Armenien nicht gefährlich. Selbst der jüngste innerstaatliche Konflikt um Macht und Korruption birgt keine echten Gefahren für Besucher. Eriwan ist nicht gefährlicher als Wien, die Lokaldichte im Verhältnis zur Einwohnerzahl sogar etwas höher. Man kann in Eriwan viel, aber keinesfalls verhungern oder verdursten. Und man erlebt fröhliche relative unnervige Kinder und durchwegs freundliche, hilfsbereite und gastfreundliche Erwachsene. Die beiden letzten Sätze kann man auch für Georgien so stehen lassen. Der operettenhafte Konflikt, den der Ex-Präsident Saakaschwili gegen Russland vom Zaun gebrochen hat und der zur Abspaltung Südossetiens und Abchasiens führte, hat derzeit keinerlei Auswirkungen, jedenfalls nicht auf das Zentrum des Landes und die Hauptstadt Tiflis.

Die Frage nach dem Warum meiner Reise in den Kaukasus fällt auf den Fragenden zurück. Abgesehen davon, dass mich die ganze Welt in ihrer Multikulturalität und ihrer Naturvielfalt interessiert, ist der Kaukasus immerhin auch eine der Wiegen der menschlichen Kultur, eine Brücke zwischen Europa und Asien, gerade auch im historischen Blick auf die alte Seidenstraße. All deren Völker haben sich dort getroffen, durchmischt, alle Religionen haben dort – zumindest die meisten Zeiten – durchaus friedlichen Kontakt gehabt.

Mich interessieren an allen Gegenden in der hier beschriebenen Reihenfolge: die Menschen mit ihrer Lebensart und der Vielfalt ihrer Ansichten, die historischen Spuren einer Gegend und last but not least die Kulinarik einer Weltgegend. Und allein Letzteres lohnt eine Reise nach Eriwan und Tiflis, dazu zwei Stichwörter: armenischer Cognac und georgischer Wein. Wer darüber diskutiert bis streitet, ob der französische oder der spanische fassgelagerte Weinbrand besser ist, macht einen Fehler. Er übersieht den armenischen Weinbrand. Ich entscheide mich vollmundig für den armenischen. Dazu später mehr.
Wer heute in die beiden Hauptstädte Tiflis und Eriwan fährt, kommt in zwei sehr kultivierte Städte mit sehr guten, sehr preiswerten Hotels, mit exzellenten Lokalen jeglicher Preiskategorie und – mit ganz wenigen Ausnahmen – sehr freundlicher und hilfsbereiter Bedienung. Die jüngeren Menschen sprechen fast ausnahmslos Englisch, viele, vor allem ältere, auch Französisch. Die generelle Verkehrssprache zwischen den Armeniern und Georgiern ist normalerweise aber nach wie vor Russisch.

Unser erstes Ziel war Eriwan (oder Jerewan). Die Hauptstadt Armeniens ist mit etwas mehr als 1 Million Einwohner die mit Abstand größte Stadt Armeniens. Sie ist mit einem nachweislichen Alter von mehr als 6000 Jahren auch eine der ältesten Städte der Welt. Der Name leitet sich wahrscheinlich von der im Süden Eriwans gelegenen Festung Erebuni (8. Jh. v.u.Z.), einer urartäischen (altorientalischen) Siedlung ab. Armenien war immer auch Durchzugsstraße der weitverbreiteten Routen der alten Seidenstraße, hier kreuzten sich fast alle Karawanenrouten zwischen Indien und Europa. Alle Völker zwischen Asien und Europa hinterließen vielfältige Spuren: die Meder und Skythen, die Araber, die es im 7 Jh. Eroberten, die Bagratiden, die Seldschuken, die Perser und die Osmanen. Wegen der strategischen Lage wurde Eriwan zum ewigen Zankapfel der beiden Letzteren. 1827 wurde Armenien Teil des russischen Reiches. 1917 endete mit der Oktoberrevolution das Zarenreich, Anfang 1918 entstand die Transkaukasische Demokratisch-Föderative Republik, 1922 wurde Jerewan zur Hauptstadt der Armenischen SSR und machte eine bis heute prägende Entwicklung zu einer Großstadt – leider teilweise auch auf Kosten mancher alter v.a. religiöser Kulturdenkmäler – durch.

Seit 301 n.u.Z. ist das Christentum Staatsreligion Armeniens. Der armenische Heilige Mesrop Maschtoz 360 – 440 wird nicht so sehr aus religiösen Gründen verehrt, sondern weil er die armenische (übrigens ziemlich sicher auch die georgische) Schrift entwickelt hat. Sein Denkmal befindet sich vor der berühmten Aufbewahrungsstätte alter Handschriften und Miniaturen Armeniens und anderer Länder, dem Matenadran. Diesem einzigartigen Kulturmuseum galt auch einer unserer Besuche. Es liegt im Norden Erewans unterhalb des sogenannten Siegesparks, errichtet zum Andenken an den Sieg der Roten Armee über die deutsche Wehrmacht, an dem armenische Soldaten, Offiziere und Partisanen armenischer Herkunft wesentlichen Anteil hatten. Die große im Jahre 1967 errichtete Statue der Mutter Armenien blickt von jenem Sockel, auf dem einst die Statue Stalins stand, auf ihre Stadt.

Von dort aus hat man auch – wenn klare Fernsicht herrscht – einen Blick auf den Ararat, den heiligen Berg der Armenier. Mir war der Blick durch stete Bewölkung und Dunst leider nur schemenhaft gegönnt. Im Gebiet des 5137 m hohen ruhenden Vulkans Ararat soll nach der Sintflut die Arche Noah gestrandet sein. Die volkstümliche Bibelfassung Vulgata spricht von den montes Armeniae, also den „Bergen Armeniens“. Im 19. Jh. behauptete ein britischer Bergsteiger auf 4000 m Höhe ein bearbeitetes großes Stück Holz gesehen zu haben. Eine als “Ararat-Anomalie” bezeichnete geologische Formation in Gipfelnähe nährte im 20. Jh. Spekulationen um Überreste der biblischen Arche Noah. Der Ararat liegt heute in der Türkei, dennoch ist er das Nationalsymbol der Armenier, die bis zum Völkermord von 1915 größtenteils in den sechs armenischen Ostprovinzen im Osmanischen Reich ihren Siedlungsraum rund um den Ararat hatten. Die Türkei protestierte in sowjetischer Zeit gegen das mit dem Ararat verzierte Wappen der Armenischen SSR mit dem Hinweis, dass der Berg auf türkischem Territorium liege und deshalb nicht von Armenien bzw. der Sowjetunion vereinnahmt werden dürfe. Der sowjetische Außenminister Gromyko konterte darauf mit dem Hinweis, dass die Türkei den Mond als eine Mondsichel in der Flagge führe, obwohl weder der Mond noch ein Teil davon zur Türkei gehörten.

Einen der wichtigsten Eindrücke meiner Reise hinterließ bei uns der Besuch des Denkmalkomplexes Zizernakaberd. Dunkelgraue Basalt-Pylone sind schützend um eine ewige Flamme errichtet, im Gedenken an die rund 1,5 Millionen Armenier, welche in den Jahren 1915 und 1916 auf Befehl der sogenannten jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches umgebracht wurden. Zum 80. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern wurde dort auch ein hervorragendes unterirdisches Museum angelegt. Die gezeigte Ausstellung dokumentiert das schreckliche Ereignis, nennt die Verantwortlichen mit Namen, ohne “allen Türken” pauschale Schuld zuzuweisen. Und es wird auch die heimliche Kumpanenschaft der deutschen Regierung und das stillschweigende Dulden anderer Länder thematisiert. Zu diesem traurigen Thema findet man auch einen wichtigen literarischen Bezug zu Österreich: Franz Werfel hatte 1933 in seinem hervorragenden Roman “Die 40 Tage des Musa Dagh” als Erster den Völkermord literarisch verarbeitet, er wird daher auch heute noch in Armenien verehrt.

Wer durch Erewan wandert, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, auf vielen Boulevards wähnt man sich in Paris, diesen Eindruck verstärken zahlreiche Straßencafes, Restaurants, Bars. Nur die Preise sind anders, für uns sogar sehr moderat, die Qualität der angebotenen Speisen, Süßigkeiten, Getränke hingegen teilweise sogar höher. Dazwischen liegen große Plätze, Parkanlagen mit schattenspendenden Bäumen. Allein die für ihre Qualität sehr hoch eingeschätzte Oper ist von Hunderten Lokalitäten umgeben, mit gemütlichen Plätzen im Freien, netter, unaufdringlicher Bedienung. Ja die Bewohner von Erewan sind Genießer, sie trinken gern, essen noch lieber, haben immer Zeit für eine Unterhaltung und erziehen die angenehmsten und fröhlichsten Kinder, die man sich wünschen kann.

Von der Oper ist es nicht weit zum Kaskaden-Komplex. Auf dem Weg dorthin fällt noch mehr als auch sonst auf, mit wie vielen künstlerisch hochwertigen Denkmälern die Stadt Erewan die berühmten – vor allem kulturell bedeutenden – Söhne und Töchter Armeniens ehrt. So verwundert es auch nicht, dass ein Denkmal den armenischstämmigen US-Schriftsteller William Saroyan zeigt. Die Kaskade von Eriwan ist ein gewaltiger Treppenkomplex aus hellem Stein, der sich 572 Stufen weit einen Berghang emporstreckt. Den Entwurf aus den dreißiger Jahren wurde in den neunzehnsiebziger Jahren gebaut.

Der breite offene Platz mit unzähligen Cafes und Restaurants ist ein Freilichtmuseum mit modernen Kunstwerken aus der ganzen Welt. Der Geschäftsmann und Kunstsammler Gerard Cafesjian, Sohn armenischer Emigranten, stellte Boteros berühmten Kater und andere Skulpturen zur Verfügung und ließ im Inneren der Kaskade das erste große Museum für zeitgenössische Kunst im Kaukasus einrichten. Wenn man die Stufen der Kaskaden erklimmt, hat man die Stadt zu seinen Füßen und den schönsten Blick auf den Ararat, wenn er denn sichtbar ist. (Mir hat ein lieber alter Herr erzählt, die Türken verwendeten Wetterraketen, um eine dunstige Atmosphäre zu schaffen, die den Blick verhindere.) Dort oben in luftiger Höhe ist auch das Centre Charles Aznavour, der eigentlich Aznavourian hieß und in Armenien wohl noch mehr verehrt wird als in Frankreich. Nach seinem Tod im vorigen Jahr waren in der ganzen Stadt Bilder und Plakate angebracht und auf vielen Plätzen wurden Kerzen und Blumen zu seiner Erinnerung abgelegt.

Während unseres Aufenthalts in Eriwan fand dort gerade die Zusammenkunft der frankophonen Länder statt, mit zahlreichen Kulturveranstaltungen und einem riesigen Freiluftkonzert. Da konnte man sich von der Begeisterungsfähigkeit und Feierlaune der armenischen Bevölkerung überzeugen, und selbst bei Massenanstürmen gab es kaum ein bedrohliches Gedränge oder brenzlige Situationen. Als uns ein Taxifahrer zum wunderbaren Platz der Republik (dem ehemaligen Leninplatz) brachte und wir kein Kleingeld hatten, ließ er mich am Hotel Marriott (das ehemalige Hotel Armenia) aussteigen, um zu wechseln. Als ich zurückkam, bot er uns aus einem kleinen Flachmann Cognac, den sein Bruder macht, an. Auf diesem in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Plänen des berühmtesten armenischen Architekten Alexander Tamanjan entstandene Platz, dem eigentlichen Herz und Zentrum der Stadt, befindet sich nicht nur das Regierungsgebäude Nr. 1 mit dem Sitz der Regierung, sondern auch das Museumsgebäude mit dem hervorragenden Museum der Geschichte Armeniens und der armenischen Nationalgalerie. Alle Gebäude sind aus rosafarbenem und gelbem Tuff mit einem unteren Abschluss aus Basalt mit typischer armenischer Ornamentik erbaut.

Manche werden sich fragen, was es nun aber mit Radio Eriwan auf sich habe. Wohl jeder kennt Witze wie den folgenden:
Anfrage an Radio Jerewan: “Stimmt es, dass Iwan Iwanowitsch in der Lotterie ein rotes Auto gewonnen hat?”
Antwort: “Im Prinzip ja. Aber es war nicht Iwan Iwanowitsch, sondern Pjotr Petrowitsch. Und es war kein rotes Auto, sondern ein blaues Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden. Alles andere stimmt.”
Im heutigen Eriwan kennen nur mehr ältere Menschen die Witze über Radio Eriwan. Jüngeren sagt dies nichts mehr. Als ich im Osten Eriwans einen Sendemast auf einem Hügel erblickte, ging ich diesem auf Spurensuche entgegen. Auf einem Markt, auf dem ausschließlich Werkzeuge, Baustoffe und ähnliches gehandelt werden, erhielt ich an einem Kaffeestand vom Besitzer, der mir – nun was wohl – Cognac in meinen Kaffee schüttete, Auskunft: Das Gebäude neben dem Sendemasten sei das Sendegebäude von Radio Eriwan gewesen. Und wer behaupte (wie Wikipedia), Radio Eriwan sei fiktiv gewesen, lüge. Es habe auch eine entsprechende Fragesendung gegeben, die dummen Fragen hingegen seien von Nichtarmeniern gestellt worden. Und dazu lachte er lautschallend und wies mir den Weg zum besten Schaschlik-Stand weit und breit.

Apropos Cognac (inzwischen eine geschützte Herkunftsbezeichnung für Weinbrand aus dem französischen Ort Cognac oder seiner unmittelbaren Umgebung) – Eriwan ohne Besuch einer der beiden großen Cognac- pardon Weinbrandfirmen ist unvollendet. Die ursprünglich staatliche Destillerie, die den internationalen Ararat Weinbrand hervorbringt, wurde um das Schnäppchen von 30 Millionen Dollar an den französischen Pernod-Ricard-Konzern verkauft. Dieser lässt bei jeder Führung betonen, dass man hier armenischen nicht französischen Weinbrand destilliere. Die zweite große Destillerie in Eriwan heißt Noy (eigentlich Yerevan Ararat Brandy-Wine-Vodka Factory) und macht nach meinem Geschmack inzwischen den besseren Cognac (Weinbrand) und erzeugt auch prämierten Wodka und exzellente Weine. Letzteres hängt auch damit zusammen, dass ihre Produktionsstätte im Gebäude des ehemaligen staatlichen Weinproduzenten liegt. Diese wurde vom ehemaligen Europameister im Wrestling und Führer der zweitgrößten Parlamentsfraktion gekauft und damit vor dem Aus gerettet. Der Kraftsportler nutzt seine guten Kontakte nach Russland und in die meisten anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, um der Pernod-Ricard-Gruppe den Absatz ihres Ararat-Brandweins zu erschweren. Ich bleibe aber dabei: Noy macht den besseren Weinbrand!

Beim Weinbrand angelangt, ergibt sich eigentlich ein guter Übergang zu Georgien. Denn das Fundament des armenischen wie georgischen Weinbrands sind georgische Weinsorten, vor allem die autochthone georgische Sorte Rkaziteli, die vom Fuße des Kaukasus stammt. Doch davon erzählt der zweite Teil dieser Geschichte. Nur so viel sei verraten: Wohl nicht alltäglich ist, dass wir um ca. 60 Euro von der armenischen Hauptstadt Eriwan in die georgische Hauptstadt Tiflis im bequemen gasbetriebenen Taxi fuhren, immerhin an die 400 km.
Fortsetzung folgt.