ERA Magazin - besser Wohnen

Der Tanz der Treppe

Der Tanz der Treppe

In diesem Dachgeschoß sind überaus spektakuläre Ideen zu finden. 

Werknutzungsbewilligung für das Architekturbüro heri&salli A - 1060 Wien

Um einen Rohdachboden so auszubauen, dass sich der Wow-Effekt an jeder Ecke einstellt, dazu gehören ein mutiger Bauherr und findige Architekten.

Im vorliegenden Fall ist es ein Manager, der sein Innenstadt-Domizil seinen Wünschen entsprechend adaptiert haben möchte. Er hat das Architekten-Duo Josef Saller und Heribert Wolfmayr über ein Wohnmagazin kennengelernt und war von ihren ausgefallenen Ideen begeistert. Er hat sich – quasi als Probestück – in seinem Landhaus ein ungewöhnliches Schatten-Dach über dem Pool bauen lassen und dann kam es zu einem Bauauftrag.

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Im einfachsten Fall ist eine Treppe eine absturzsichere Verbindung zwischen zwei höhenversetzten Ebenen. Doch man kann sie auch als einen Teil der Architektur betrachten, sodass die Gedanken über das Material und die Funktion hinausgehen und letztendlich die Geschichte eines räumlichen Gebildes erzählen. Hier wurde sie also zu einem komprimierten Bewegungselement, das zu tanzen scheint. Zwei ineinander verschlungene Handläufe aus Flachstahl begleiten einen eingeschoßigen Treppenlauf aus geölter Eiche, der in einer Galerie den Abschluss findet. Wow, denkt sich die Besucherin, so etwas sieht man auch nicht alle Tage.

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Diese Stiege dominiert den Hauptraum der 220 Quadratmeter großen Wohnung. Der Boden ist aus Zement gegossen, die Wände und Decken weiß. Die meisten Möbel wie Stauräume, Kästen, Regale, Küchenblock wurden nach Maß angefertigt. Zusammen mit der geschmackssicheren Einrichtung der Bewohner erscheint der große Raum wie aus einem Guss. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Bauherr keinen offenen Kamin wünschte, obwohl er am Dach ja quasi neben der Kaminwand wohnt.

Dafür entschied er sich für ein Bad, das in dieser Ausführung auch selten zu sehen ist. Die Architekten nennen es „bodypuzzle“. Sich gegenseitig abwechselnde fragmentarische Spiegelflächen und Beleuchtungskörper bilden eine puzzleartige Mischung von Bild und Abbild. Sowohl Boden als auch Wände, Decken und Teile der eingebauten Möbel wurden mit der Spachtel- beziehungsweise Gusstechnik Pandomo in Dunkelgrau hergestellt. Spiegel und Beleuchtungskörper sind von gebürstetem Edelstahl eingerahmt. Wow, denkt sich die Besucherin, das muss man mögen, aber in jedem Fall ist das außergewöhnlich und spektakulär.

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Eine ganz „normale“ Wohnung? 

Im Übrigen ist alles recht „normal“. Die beiden Schlafräume erfüllen ihre Bestimmung, selbstverständlich gibt es ein Ankleidezimmer und eine Arbeitsempore. Aber jetzt kommen wir auf die rund 60 Quadratmeter große Terrasse mit dem schönen Blick über den neunten Bezirk. Hier ist ein hässliches zirka fünf Meter tiefes Loch, eine Art Lichthof. Das konnte natürlich so nicht bleiben, da waren sich alle einig. Die beiden Architekten dachten sich eine in Fragmente aufgelöste künstliche Landschaft aus. Eine naturnahe Verschönerung war technisch unmöglich, also behalf man sich mit verschiedenfarbigen Kunstrasenfeldern, die sich in weiterer Folge wie fallende Blätter lösen. Es entstand eine Art Collage, ein nach innen gerichtetes Kleid – weich, bunt und in der Nacht beleuchtet. Wow, denkt sich die Besucherin, das muss einem auch erst einmal einfallen.

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Die beiden Architekten – beide Mitte Vierzig – haben zusammen in Graz studiert und anschließend die üblichen Praxisjahre in verschiedenen Büros zur Erreichung des „Ziviltechnikers“ absolviert. In dieser Zeit haben sie viel „herumgespielt“ und ein paar Spinnereien verwirklicht, wie eine Kugel in Graz und ähnliche Dinge.

2004 haben sie das Büro „heri & salli“ gegründet und seither geht es stetig bergauf. Sie haben Preise und Auszeichnungen gewonnen, werden in Fachzeitschriften genannt und die Modelle und Zeichnungen, die sie mir während unseres Gespräches in ihrem Büro zeigen, sind allesamt spektakulär. Sie beschäftigen Angestellte und freie Mitarbeiter.

Text: Susanne Mitterbauer 

E-Mail: s.mitterbauer@besser-wohnen.co.at 

Fotos: Hans Schubert, Paul Ott, Peter Hoiß