ERA Magazin - besser Wohnen

AMSTERDAM

Eine verlockende Metropole

KeizersgrachtReguliersgrachtAmsterdam

 

Amsterdam hat die Nase voll. Allerdings anders, als es sich die zahlreichen Besucher vorstellen. Vor allem die Heerschaften von Crackheads, süßliche Haschischschwaden vor sich hinhustende Cannabiskonsumierer und Heineken-Torkler sind im Fokus der Stadtverwalter. Ein Kulturwandel muss her, ein Imagewandel wird herbeigesehnt. Zu den schiefen Amsterdamer Häusern sollen sich wieder mehr aufrechte Qualitätsbesucher gesellen. Alte Meister statt junger Kiffer.
Amsterdam will zurück zu seinen Wurzeln. Neue Tugendpflöcke sollen eingeschlagen werden. Spitze statt Breite. Das wird natürlich nicht sofort gelingen. Dafür hat das Amüsement bereits zu sehr den Mainstream erschwommen; ist Amsterdam eine Hochburg der High-sein-Society in Europa. Und dennoch: Mit viel Aufwand wurde in den letzten Jahren investiert und die Museen renoviert. Hier wollen die Stadtväter wieder neue Akzente setzen. Das Van-Gogh-Museum und das Rijksmuseum verschlangen rund Hunderte Millionen. Geld, das gut angelegt scheint, denn vor dem Nationalmuseum warten lange Schlangen von zahlungswilligen Touristen. Selbst Barack Obamas Hubschrauber ging schon im Park vor dem Rijksmuseum nieder, um dem US-Cowboy alte Meister und niederländische Künste zu verinnerlichen. Die Geschichte der Niederlande wird im Rijksmuseum in einem internationalen Kontext anhand einer chronologischen Zeitleiste dargestellt, die auf vier Stockwerke und 80 Säle verteilt ist. Sehenswert! Gerne besucht: die neue Heimat des Auges, das Film-Museum EYE. Ein Gebäude mit internationalem Reiz, das spektakulär wie ein UFO gegenüber dem Amsterdamer Bahnhof liegt.
Todesfalle Grachten
Für alle, die Amsterdam zu Fuß erkunden müssen: Die besten Sehenswürdigkeiten liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und während man von einem Museum zum anderen schlendert, kann man die mit Blumen geschmückten Hausboote auf den Grachten bewundern; die von Menschen geschaffenen Feinde der Trunkenbolde in Amsterdam. Die unzähligen Kanäle sind Wahrzeichen der Stadt und nasse Todesfalle für mehr als 15 zumeist männliche Opfer jährlich, die betrunken beim Wasserlassen den Halt verlieren. Trotzdem ist eine Fahrt mit dem Boot durch Amsterdams Wassernetz ein „Must“. Wie kleine Blutgefäße durchziehen unzählige Kanäle die holländische Hauptstadt und dienen als normale Verkehrswege der Amsterdamer Bürger. Rund 820.000 Menschen bewohnen diese Stadt. Die chaotische Energie lässt mehr vermuten. Die Stadt ist auf Pfählen gebaut. Da früher die Häuser nach ihrer Breite besteuert wurden, findet man viele schmale und in die Höhe gewachsene Bauten, die schief und pittoresk ein lohnendes Ziel für die handybewaffnete Armee an Touristen sind.
Rastlos
Vor allem am Wochenende scheint die Stadt nicht zu schlafen. Die ganze Nacht hindurch herrscht im Zentrum Trubel: Taxis und Radfahrer verstopfen die Gassen rund um Prinsen,- Keizerund Herengracht. Im Sommer sind die zahlreichen Straßencafés voll besetzt. Zentrum nächtlichen Vergnügens sind Rembrandtplein und Leidseplein; malerische Plätze, aber auch unruhige Orte. Vor den Eingängen der Coffeeshops, wie etwa dem „Bulldog“, drängeln sich Stauntouristen, augengerötete „ich-bin-dann-mal-high“- Youngsters und mies-finstere Daranverdiener. Der süßliche Duft afghanischer Bewusstseinsvernebelung schwebt wie eine Tarnkappendrohne drüber. Amsterdam ist liberal, fast schon libertär. Diese Auswüchse sind auch im Rotlichtviertel De Walen zu beobachten. Zu allen Tages- und Nachtzeiten zeigen sich Damen jeden Alters und Transsexuelle in den Schaufenstern wie Fische in einem Aquarium. Nähert man sich ihnen, beginnen sie sich zu bewegen und versuchen etwas Glanz auf das Elend fallen zu lassen. Es gibt ja auch genug Elende, die auf so etwas stehen und das für erotisch halten. Die vorhergehende Farbwahl ist dann entscheidend. Rotes Licht steht für weibliche Prostituierte, wohingegen im blauen Schein eine transsexuelle Überraschung wartet. Es ist eine wollüstige Wüste der einsamen Sehnsucht.
Die Fensterprostitution lockt Schaulustige an, täglich drängen sich tausende Reisende durch die schmalen Gassen. Auf dem Tisch der Stadtverwaltung liegen mehrere Variante eines Prostitutionsverbots. In diesem Szenario würden die Bordelle an andere Orte verlegt werden. Das hätte freilich weitreichende Folgen. Der Stadtkern würde sich nachhaltig verändern, einer der bekanntesten Orte Amsterdams wäre mit einem Schlag Geschichte. Zudem müsste die Stadt wohl mit eiskaltem Gegenwind von all jenen rechnen, die mit dem Rotlichtviertel ihr Geld verdienen.
Gewohnheiten
Für eingesessene Bewohner ist „borreluur“ der Startschuss zum Abendprogramm: Nach Feierabend trifft man sich zu Bier und Häppchen. Frikandel ist das niederländische Nationalgericht; fettig und unförmig versucht es etwas zwischen Bratwurst und Fleischlaiberl zu sein und lässt sich höchst unerotisch als außen braun, innen hell und etwas schlabbrig in der Hand beschreiben. Dazu Zwiebel und Mayonnaise. Dann lieber doch gleich ein Stück Gouda, das in unzähligen Varianten und wohlmundend angeboten wird. Einer der wenigen Biergärten ist direkt neben einer historischen Windmühle gelegen. In der Mühle sitzt die lokale Brauerei ‘t IJ, deren Bierflaschen ein charakteristischer Straußenvogel ziert.
Fietsen
Mit vier Rädern auf dem Asphalt wird man in der niederländischen Hauptstadt argwöhnisch angeschaut. Das Fahrrad ist dem Amsterdamer das Teuerste. Für einen Satz neuer Speichen würden die meisten von ihnen wohl die eigene Schwiegermutter eintauschen. Die 700.000 Drahtesel in allen möglichen Formen und Farben bilden deshalb auch einen festen Bestandteil des Stadtbildes. Der Amsterdamer bringt seine Kinder auf dem „Fietsen“ zur Schule, radelt zur Arbeit und erledigt seine Einkäufe damit. Auch Kurierdienste, die Polizei oder Lieferdienste bewegen sich oft mit Pedalkraft durch die Stadt. Abertausende von Fahrrädern parken am Bahnhof, eine sehenswerte Attraktion. Wessen Fahrrad gestohlen wird – was jedem Zehnten passiert – kann sich auf den zahlreichen Flohmärkten um passenden Ersatz kümmern. Mit etwas Glück findet er dort gleich sein ehemaliges Gefährt wieder. Wer sich motorisiert auf zwei Rädern fortbewegen möchte, steigt aufs Bromfiets, liebevoll Brommer genannt, vergleichbar mit unseren Mofas.
Amsterdam hat zu jeder Jahreszeit seinen Reiz: Ob im Sommer, wenn die Cafés ihre Tische auf die Straße stellen und sich eine beinahe mediterrane Atmosphäre ausbreitet oder im Winter, wenn Nebelschleier über den Grachten hängen und die Brücken festlich beleuchtet sind. Ebenso wie die vielen kleinen Läden, den „winkels“, im Stadtzentrum. Und nicht zuletzt trägt die offene und fröhliche Art der Bewohner dazu bei, dass Millionen Besucher dem Charme der Metropole an der Amstel erliegen.